Übergang mit sicherer Perspektive
Das Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung braucht eine stärkere Anbindung an die Inhalte der dualen Ausbildung, sagt der Berufsbildungsexperte Eckart Severing. Und durch den demografischen Wandel würden digitale Medien in der Ausbildung immer wichtiger.

Der Berufspädagogik-Fachmann Prof. Dr. Eckart Severing ist Geschäftsführer des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung (f-bb) in Nürnberg. Zusammen mit Prof. Dr. Dieter Euler ist er wissenschaftlicher Begleiter der Initiative "Übergänge mit System".
Herr Professor Severing, was ist eine "Bildungskette"?
Das Bildungssystem in Deutschland ist stark segmentiert. Die Übergänge aus der Schule in die Berufsausbildung sind für viele Jugendliche noch immer nicht reibungslos. Auch steht die berufliche Bildung weitgehend unverbunden neben der akademischen Bildung. Die Institutionen und Programme sind nicht immer gut aufeinander abgestimmt. Umso segmentierter aber ein Bildungssystem ist, umso mehr müssen Übergangsrisiken von den Lernenden selbst bewältigt werden. Der Begriff "Bildungskette" meint nun, dass man sich stärker am Bildungsverlauf junger Menschen orientiert und dafür sorgt, dass die Übergänge glatt und reibungsfrei gelingen.
Was schlägt die Initiative "Übergänge mit System" vor, um den Übergang zwischen Schule und Ausbildung zu verbessern?
Der Übergangssektor zwischen Schule und Berufsausbildung, der sich in den letzten zehn bis 15 Jahren der Ausbildungskrise mit vielen Programmen und Maßnahmen herausgebildet hat, ist davon geprägt, dass nebeneinander viele Projekte stehen, die Fördermitteln eines Ministeriums, einer Kommune oder der Bundesagentur für Arbeit finanziert werden. Die heterogene Förderlandschaft und der temporäre Charakter vieler Programme haben dazu geführt, dass es heute eine unüberschaubare Vielzahl von Maßnahmen im Übergangssektor gibt. Zudem werden Lernleistungen, die von jungen Menschen im Übergangssektor erbracht werden, nur selten in nachfolgenden Bildungsgängen angerechnet.
Die Initiative "Übergänge mit System" hat das Ziel, hier für mehr Transparenz zu sorgen. Die Idee ist, nur noch zwei Maßnahmentypen anzubieten, die beide verbindlich in eine Ausbildung münden. Der erste Maßnahmentyp richtet sich an Jugendliche, die nur deswegen keinen Ausbildungsplatz finden, weil sie in einer Region mit schwieriger Marktlage wohnen oder weil sie einen Beruf wünschen, für den es nicht genügend Ausbildungsangebote gibt. Diesen Jugendlichen, die individuell ausbildungsreif sind, sollen zumindest das erste Jahr der Ausbildung mit öffentlicher Förderung vermittelt werden. In einem zweiten Maßnahmentyp sollen nicht-ausbildungsreife Jugendliche nach individuellen Erfordernissen in kurzer Zeit zur Ausbildungsreife geführt werden – mit der sicheren Anschlussperspektive auf eine betriebliche oder öffentlich geförderte Ausbildung.
Welche Bedeutung kommt digitalen Netzwerken wie qualiboXX von Schulen ans Netz e. V. zu, um die Standardisierung voranzutreiben?
Elementarer Bestandteil des Konzepts "Übergänge mit System" ist es, dass nicht mehr jede Bildungseinrichtung nach eigenem Gusto im Übergangssektor Maßnahmen definiert, die dann später auf dem Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt keinen nachhaltigen Wert haben. Stattdessen schlagen wir vor, aus der dualen Ausbildung abgeleitete Ausbildungsbausteine zu vermitteln. Bei einer solchen Standardisierung gibt es ein großes Potenzial für digitale Plattformen: Man kann Leitfäden und curriculare Mittel zur Verfügung stellen, welche die Akteure bei ihrer Arbeit unterstützen und entlasten.

Die Initiative "Übergänge mit System" der Bertelsmann Stiftung setzt sich dafür ein, allen ausbildungswilligen Jugendlichen an der Schwelle zwischen Schule und Berufsausbildung systematisch und ohne Zeitverlust Wege zu einer Berufsausbildung anzubieten. Ziel ist, den gegenwärtigen "Dschungel" an Übergangsmaßnahmen in ein effizientes und transparentes System umzuwandeln. Ministerien aus neun Bundesländern und die Bundesanstalt für Arbeit sind an der Initiative beteiligt.
[ Meldung vom 27.09.2011 ]





