"Fußball ist schnell geworden"
Prof. Dr. Norbert Bolz ist einer der bekanntesten deutschen Medien- und Kommunikationstheoretiker; er hat seit den frühen 90er Jahren die Entwicklung neuer Medien in zahlreichen Büchern beschrieben. Bolz lehrt Medienwissenschaft an der TU Berlin.

Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz über die WM in Südafrika und das Spiel der deutschen Mannschaft.
Herr Prof. Bolz, als erstes die Frage: Wie haben Sie das Spiel Deutschland-England gesehen?
Ich muss gestehen: Die Deutschen haben mich als Nichtfachmann entlarvt! Vor dem Spiel war ich der festen Überzeugung, dass alle Welt das Australien-Spiel falsch gedeutet hat und eher die darauf folgenden Spiele gegen Serbien und Ghana das wahre Gesicht der deutschen Mannschaft gezeigt haben. Nun hat sich aber im Spiel gegen England etwas anderes herausgestellt. Es ist unfassbar erfreulich und verblüffend und hat mich wirklich nachdenklich gemacht, wie Jogi Löws Idee von einem neuen Spielsystem wirklich umgesetzt worden ist. Ich bin über die Freude wirklich ins Grübeln geraten.
Die WM bestimmt seit zwei Wochen als Thema die Massenmedien. Ist das für einen Medienwissenschaftler ein spannendes Phänomen?
Ich bin vor allem als Fußballfan bei der Sache. Als Forscher würde es mich eigentlich nicht sonderlich interessieren, da ich wenig entdeckt habe, was über die letzte WM 2006 hinausgehen würde. Bei den vielen Inszenierungen in Deutschland erkennt man, wie im Grunde versucht wird, die WM 2006 zu wiederholen. Allerdings ist die Übertragungsqualität heute wirklich phantastisch, man hat vor dem Fernseher fast schon die Möglichkeit einer Echtzeitanalyse. Fußball im Fernsehen hat mit dem, was vor 20 Jahren gezeigt wurde, fast gar nichts mehr zu tun, und das liegt nicht nur an den wunderbar veränderten Fähigkeiten der Spieler, sondern vor allem an der Übertragungstechnik.
Nach den Spielen Deutschland-England und Argentinien-Mexiko waren die "Videobeweise" plötzlich wieder ein großes Thema. Wäre das ein zu großer medialer Eingriff in den Spielablauf?
Ich war auch bis vor Kurzem gegen diese Videobeweise. Aber wegen der vielen Fehlentscheidungen der letzten Zeit, wozu auch das Handspiel von Thierry Henry im Qualifikationsspiel der Franzosen gegen Irland zählt, bin ich mittlerweile dafür, jeder Mannschaft die Chance zu bieten, beispielsweise ein bis zweimal pro Spiel einen Fernsehbeweis einzuklagen. Man muss natürlich aufpassen, das Spiel nicht total zu zerfasern. Ein Videobeweis könnte aber auf jeden Fall eine Menge von spektakulären Ungerechtigkeiten verhindern. Offenbar ist der Fußball so schnell geworden, dass man mittlerweile auch mit vier Schiedsrichtern die Sache nicht mehr hundertprozentig im Griff hat. Ein Videobeweis würde auch die Nerven sowohl der Spieler als auch der Zuschauer beruhigen, wenn man wüsste, man hat ein Mittel in der Hand, um eine evidente Fehlentscheidung zu korrigieren.
[ Meldung vom 02.07.2010 ]





